Konkurrenz und Ansehen: Nahtlose Hemden in Schottland

For thou must shape a sark to me

Without any cut or heme’, quoth he.

Thou must shape it knife – and-sheerless

And also sue it needle-threedlesse

(Auszug aus The wind hath blown my plaid away (= The Elfin Knight), schottische Ballade, früheste Notation 1680)

Warum macht man sich die Mühe, etwas so Aufwendiges und Schwieriges zu weben, dass zeitgenössische Lieder es als unmögliche Aufgabe bezeichnen?

Auschnitt aus der Verbreitungskarte der nahtlosen Hemden
Auschnitt aus der Verbreitungskarte der nahtlosen Hemden

Als Henry Inglis 1702 ein Hemd ohne Naht webte, war die Situation in der schottischen Stadt Dunfermline, nördlich von Edinburgh, alles andere als einfach. Die alte Königsstadt hatte weder den Verlust ihrer kirchlichen Bedeutung durch die Reformation im späten 16. Jh., noch die Kappung ihrer Verbindung zum schottischen Hof gut vertragen, wurde dieser doch 1603 im Zuge der schottisch-englischen Personalunion nach London verlegt. Trotzdem gab es Hoffnung. Dunfermline lag zwar im Inland, aber gute Transportwege führten zum nahen Firth of Forth, dem Meeresarm, der die Stadt von Edinburgh trennt. Im 18. Jahrhunderte entwickelte sich langsam eine Leinenproduktion, die aber erst 1718 nach der Einführung der Damastweberei wirklich zu boomen begann und das Leben in der Stadt für zwei Jahrhunderte prägen sollte.

Wie in Steinhude war die Weberei schon viel früher in Dunfermline präsent gewesen: bereits 1491 werden Weber in den Quellen erwähnt, auch eine Weberkooperation war anders als in Steinhude schon lange Zeit in Dunfermline vorhanden. So webte Henry Inglis sein Hemd 1702 zwar vor dem eigentlichen Boom der Leinenindustrie, aber durchaus vor kundigen Augen. Die spätere Bemalung und Beschriftung des Hemdes durch die lokale Webergilde trägt dem Rechnung: auf der Vorderseite ist u.a. ein großer Webstuhl zu erkennen, auf der Rückseite ist  das Wappen von Schottland aufgemalt, zusammen mit der Inschrift „For the weavers of Dunfermline 1702“ (Für die Weber von Dunfermline 1702). Erst in den 1840er verkaufte die Gilde das Stück. Anders als bei Johan H. Bühmanns Hemd ranken sich jedoch keine weiteren Legenden um Henry Inglis und sein Hemd, so dass über die näheren Umstände seines nahtlosen Webens nur spekuliert werden kann. Gab es irgendein exzentrischer Adeliger in Auftrag oder kam Inglis allein auf die Idee? Die Inschrift und das Faktum, dass es, wie alle überlieferten nahtlosen Hemden, nie getragen wurde, sprechen für letzteres. Klar ist auch, dass Inglis durch das Stück bekannt wurde. Aber warum ein Hemd ohne Naht?

Springen wir etwas in der Zeit. Inglis blieb nicht der einzige berühmte Weber in der Gegend, auch nicht der einzige Weber nahtloser Hemden: Der Weber James Blake, der 1709 in Edinburgh durch einen Trick das Weben am Damastwebstuhl erlernt haben soll und dieses Wissen 1718 zurück nach Dunfermline brachte, wurde gar eine lokale Legende. Berühmtheit erlangte auch der Weber Henry Meldrum, der hundert Jahre nach Inglis ganze drei nahtlose Hemden sowie ein nahtloses Damenunterkleid webte (1806, 1808, 1813 und 1821). Können wir bei dem Hemd von Inglis nur indirekt auf die Reaktion der Gilde schließen, liegt sie uns im Falle Meldrums schriftlich vor: Man beschloss, dass Meldrums Söhne, so sie Weber werden, gratis zur Gilde zugelassen werden.

Hunterian Museum & Art Gallery collections, catalogue number GLAHM C.63
Hunterian Museum & Art Gallery collections, catalogue number GLAHM C.63. Weber: David Anderson

Die Webergilde von Dunfermline war stolz auf das Können ihrer Weber und es scheint, als ob das nahtlose Weben – ganz wie in Steinhude? – eine Eigenheit, vielleicht gar ein Qualitätsmerkmal der lokalen Webtradition darstellen konnte und immer neue Webergenerationen anregte. PR und Konkurrenzdenken gaben sich hier vielleicht die Hand. Dies zeigt sich auch an den anderen beiden schottischen Beispielen. Kurz nach Meldrum webte der aus Dunfermline stammende, aber in Glasgow arbeitende David Anderson ebenfalls drei nahtlose Hemden. Anderson begnügte sich aber nicht mit lokaler Berühmtheit und Anerkennung. Anderson wollte mehr. So sandte er zwei seiner Hemden jeweils als Geschenk an König Georg IV (1821) und Königin Victoria (1838 oder später), wofür er nicht nur eine ordentliche Prämie bekam  (zuerst  10 Pfund, nachdem er auf der Präsentation vor Georg V. persönlich insistiert hatte, sogar 50 Pfund), sondern auch eine öffentliche Präsentation in seiner Heimatstadt Dunfermline erreichte.

Etwas obskur ist der letzte Fall, der des Webers David Sands. Sands webte in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts drei nahtlose Hemden, über die nicht allzu viel bekannt ist, eines soll ebenfalls dem König zugekommen sein, ein weiteres dem Duke of Atholl sowie einem Board of Trustees. Genaueres ist nicht überliefert, aber Sands lebte in Kirriemuir, unweit von Dunfermline. Wie im Fall des Bremer Rocks für Steinhude, kann davon ausgegangene werden, dass Sands von Inglis wusste. Sands, der als erfinderischer Mann bekannt war, empfand ein nahtloses Hemd vielleicht als große Herausforderung. Vielleicht kannte er ja auch die schottische Ballade vom Hemd ohne Naht also unlösbare Aufgabe.

Von den elf aus Schottland überlieferten nahtlosen Hemden haben sich nur vier erhalten, zwei in Dunfermline (Inglis 1702, Meldrum 1813), eines in Glasgow (Anderson) und ein weiteres in Drummond Castle, in der Nähe von Perth (wahrscheinlich eines der Hemden von David Sands). Alle diese Hemden zeigen keinerlei Gebrauchsspuren und scheinen, wie unser kleiner Ritt durch die Geschichte zeigte, eher von der Konkurrenz der Weber untereinander und dem Wunsch nach Aufmerksamkeit zu zeugen, als von wirklicher Notwendigkeit oder irgendeinem Nutzen. Selbst die damals hohe Summe von 50 Pfund, die David Anderson von König Georg für sein Hemd erhielt, ersetzte ihm letztlich nicht die Arbeitszeit, die dieses Hemd ihn wahrscheinlich gekostet hatte. Einen großen Unterschied zum Steinhuder Hemd von Johann Bühmann gibt es jedoch: keines dieser Hemden dienten einem der Weber zur Aufnahme in die Webergilde. Meldrum, Anderson und Sands waren jeweils schon etablierte Weber, für Inglis ist nichts überliefert, aber auch hier scheint es nicht anders gewesen zu sein. Überrascht dies wirklich? War der erste Weber nahtloser Hemden in Steinhude nicht auch J.H. Bretthauer? Auch hier finden wir also die Motive aus Schottland wieder: PR & Konkurrenz.

Weiterführende Literatur:

M. Norgate / H. Bennett, Scottish seamless shirts, In: Costume 10, 1976, 53-67.

D. Thomson, The weavers‘ craft. Being a history of the Weavers‘ incorporation of Dunfermline. With word pictures of the passing times. Dunfermline 1903. [Online zugänglich ]

St.K.

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2 Gedanken zu “Konkurrenz und Ansehen: Nahtlose Hemden in Schottland

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