Alles, was Recht ist – die Zunftgerechtigkeit

Wie alle Zünfte und Gilden ihrer Zeit hatte auch die Zunft der Steinhuder Leinweber eine eigene Zunftordnung oder Zunftgerechtigkeit, eine Sammlung von Regeln, die für alle Mitglieder der Zunft Geltung besaß. Eine Abschrift der ersten Zunftgerechtigkeit, die sich die Steinhuder Weber bei der Gründung am 18. Oktober 1727 gegeben haben und vom Grafen bestätigen ließen, ist in einer Urkunde vom 12. Dezember des selben Jahres erhalten. Diese und eine Ergänzung der Regeln, die am 24. April 1729 bei einer Versammlung der Zunftmitglieder beschlossen wurde, geben einen Einblick in die Organisation und das Zusammenleben der Zunftmitglieder:

als wirdt obbenannten Linne Webern deß Fleckens Steinhuede diese ordentliche Zunft, Gülden oder Ambtsgerechtigkeit folgender gestalt erteilt und bestätiget…“

Die acht Paragraphen umfassende Zunftgerechtigkeit regelt zunächst die wichtigsten Punkte für die neugegründete Weberzunft, wie die Aufnahme von Gesellen und neuen Meistern und die Abgrenzung zu unzünftigen Webern.

Die Regeln lauten im einzelnen wie folgt:

  1. Lehrjungen müssen nachweislich ehelich gezeugte Kinder sein, Gesellen, die in die Zunft aufgenommen werden, müssen mindestens zwei Jahre bei einem zünftigen Meister gelernt haben, und um Meister zu werden drei Jahre Wanderschaft nachweisen, bevor sie dem Grafen und der Zunft ihr Meisterstück präsentieren können und die Aufnahmegebühr zahlen dürfen.
  2. Zunftmitglieder müssen einen bestimmten Betrag in die Zunftlade abgeben, der in Notzeiten oder im Sterbefall verwendet werden kann. Ausländische Gesellen und Meister bezahlen dabei bis zum doppelten der Sätze für Einheimische. Dazu muss allerdings angemerkt werden, dass das Ausland damals schon wenige Kilometer weiter beginnen konnte, eben dort, wo die Grafschaft Schaumburg-Lippe endete. Zum Beispiel im fernen, fernen Loccum – oder Nienburg.
  3. Die in der schaumburgisch-lippischen Steuer- und Polizeiordnung festgesetzten Lohnvorgaben werden übernommen, wer dagegen verstößt, wird aus der Zunft ausgeschlossen. Da die Leinweber in Steinhude erst vergleichsweise spät eine Zunft gründen, können sie teilweise auf bestehende Regelungen zurückgreifen.
  4. Fremde und ausländische Meister dürfen fortan weder in Steinhude noch anderswo im Amt Hagenburg eigene Arbeiten anfertigen.
  5. Um die neue Zunft zu stärken, soll es den unzünftigen Weber gestattet sein, der Zunft beizutreten, ebenso fremden Meistern, die bisher in der Region gelebt und hier Abgaben gezahlt haben. Sollten sie der Zunft nicht beitreten wollen oder können, dürfen sie ihr Handwerk bis zum Lebensende ohne Einbußen weiter ausüben, aber weder Lehrjungen noch Gesellen ausbilden.
  6. Jedermann darf Leingarn kaufen und in seinem Haus für den Verkauf Leinwand herstellen lassen – allerdings nur durch einheimische Meister.
  7. Jeder hat das Recht, weben zu lassen, wo er will. Von diesem und dem vorhergehenden Paragraphen ist der gräfliche Haushalt ausdrücklich ausgenommen, der jederzeit auch fremde Weber anwerben und beschäftigen darf.
  8. Die Gilde wählt jedes Jahr zwei Gildemeister, die von der gräflichen Kanzlei vereidigt werden. Diese sollen auf die Einhaltung der Zunftgerechtigkeit sowie einen moralisch einwandfreien Lebenswandel der Zunftmitglieder achten, außerdem treuhänderisch die Mittel der Zunft verwalten und darüber Rechenschaft ablegen.

Die Zunftordnung wurde von den Grafen von Schaumburg-Lippe bestätigt, allerdings jedes Mal mit dem Vorbehalt, dass der Graf jederzeit die bestehende Zunftgerechtigkeit ergänzen, verändern, verbessern und ganz oder in Teilen aufheben kann – schon damals finden wir beste Beamtensprache in den Urkunden.

Gut anderthalb Jahre später beschließt eine Versammlung von Meistern und Gesellen eine Erweiterung der Zunftregeln. Bei den Ergänzungen handelt es sich vor allem um Verwaltungsdinge, um die Festsetzung der Abgaben etwa, die Gesellen in die Zunftlade zu leisten hatten, wenn sie freigesprochen wurden oder wenn sie heirateten. Dabei sind unterschiedliche Beträge fällig je nachdem, ob die Frau eine Einheimische oder eine Fremde ist – oder eines Meisters Tochter. Dadurch sollte das Monopol der zünftigen Weber weiter gestärkt werden.

Dabei sind die Zunftregeln schon zu Beginn der Steinhuder Weberzunft gebeugt worden: die vorgeschriebenen drei Jahre Wanderschaft hat unser alter Freund Johan H. Bühmann ja bekanntlich nicht geleistet. Seine Aufnahmegebühr hat er aber brav bezahlt.

H.B.

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