Sprang – Handarbeit und ganz viel Geschichte

Anders als vom Häkeln, Stricken, Weben und Flechten hat man vom Sprangen weder im Handarbeitsunterricht in der Schule, noch von der Großmutter je etwas gehört. Diese uralte Flechttechnik ist schon seit dem fünften vorchristlichen Jahrhundert nachgewiesen. Auch in der Renaissance im 16. und17. Jahrhundert erlebte sie einen erneuten Aufschwung, bevor man sie in den darauf folgenden Jahrhunderten langsam vergaß. Im Jahr 1871 dann fanden Wissenschaftler ein Haarnetz in Dänemark. Niemand wusste zu sagen, wie es gemacht war. Erst zwei handwerklich sehr geschickte Damen rekonstruierten unabhängig voneinander die Machart dieser Textilien: die Wienerin Louise Schinnerer und die Dänin Petra Godskesen. Louise Schinnerer stieß auf der Suche nach der Lösung des Rätsels auf die traditionelle Textilproduktion in einigen ukrainischen Dörfern und erkannte die Ähnlichkeit zu dem dänischen Haarnetz. Petra Godskesen konnte das Muster des Fundes anhand kleiner Unregelmäßigkeiten im Originalgeflecht nacharbeiten. So konnte die im Zusammenhang mit der Industrialisierung in Vergessenheit geratene Flechttechnik Sprang nachvollzogen und dem Fund zugeordnet werden. Was aber ist diese geschichtsträchtige Handarbeitstechnik, die so lange Zeit vergessen war und lange nicht entschlüsselt werden konnte?

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Technik des Sprangens und so entstandene Fadenverbindungen
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Gewebe im Vergleich

Die Besonderheit des Sprangens zeigt sich am besten im Vergleich mit der Weberei: Während man beim Weben ein Gewebe, also ein Fadensystem aus senkrechten und waagerechten Fäden hervorbringt, gehört das Sprangen zu den Flechttechniken, bei denen ein einzelnes senkrechtes Fadensystem untereinander verdreht wird. Diese Technik kennen wir alle seit der Kindheit: das drei-/ vier/- oder auch viel-fädrigen Flechten von Wolle, Haaren oder Scoubidou-Bändern. Anders als das bekannte Flechten ermöglicht das Sprangen nicht nur das Erzeugen eines dickeren Fadens, sondern auch flächiger Textilien. Gesprangtes zeichnet sich durch große Elastizität aus, sodass Kleidungsstücke gut am Körper anliegen. Deshalb wurden in der Antike vor allem Haarnetze und Hosen daraus hergestellt.
Was sich mit dieser Technik für besondere Geflechte herstellen lassen und wie diese sich anfühlen, zeigen wir in unserer Ausstellung im Hands-On-Bereich, kommt einfach vorbei!

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Materialien zum Sprangen

Das Sprangen ist ganz leicht nachzumachen. Alles, was Ihr braucht, sind ein Holzstift, ein Rahmen oder provisorisch eine Stuhllehne zur Befestigung, Wolle oder synthetische Fäden und, ganz wichtig, eure Hände! Eine Anleitung inklusive der spannenden Geschichte des Sprangs findet Ihr bei Dagmar Drinkler „Eng anliegende Bekleidung in Antike und Renaissance.“ erschienen in der Zeitschrift für Kunstechnologie und Konservierung, Band 24 aus dem Jahr 2010, Seiten 5- 35 (Bildmaterial findet sich hier). Schaut auch mal bei YouTube vorbei, dort gibt es viele Tutorials zu dieser spannenden und geschichtsträchtigen Technik zum Nachmachen. Viel Spaß!

I.R.

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