Ein Hemd für den Landesherren – Steinhude und die Grafen zu Schaumburg-Lippe

Die Geschichte der Steinhuder Hemden ohne Naht hängt eng mit den Landesherren Steinhudes zusammen. So berichtet es zuerst 1765 oder 1766 der Apotheker und Schriftsteller Arthur Conrad Ernsting in seiner Schrift „Kurtze, historische und physikalische Nachricht von dem Steinhuder Meer“:

Der erste Meister so ein Hembd gewebet, war der schon längst verstorbene Joh. Hinrich Bratthauer, als dieser das eine Hembd fertig hatte, das schlecht gerathen war, so webete er noch eins, und solches präsentierte er seinem Gnädigsten Landes-Herrn, dem Herrn Graf Albrecht Wolfgang, Hochsel. Andenkens. […] Dieses machte zu der Zeit viel Aufsehens und frischete andere mit guter Arbeit an: wie sich denn auch gleich darauf noch einer fand, der durch vieles Nachsinnen ebenfalls ein gantz fertiges Hembd webete, und dieses ist der annoch lebende Altar-Mann J. Hinrich Bühmann. […]Diesen Bühmann, welcher dero Zeit ein Jüngling von 17 Jahren war, wolte die damalige neue Leinweber-Gilde nicht vor einen Meister erkennen, darauf er so gleich noch ein Hembd webete, und solches ebenfals seinen gnädigsten Landes-Herren präsentierte, darauf er sogleich ohne Widerrede Meister bey der Gilde wurde.

Die beiden Steinhuder Weber Bretthauer und Bühmann präsentierten laut Ernsting ihre Hemden dem Landesherren Steinhudes, dem „Herrn Graf Albrecht Wolfgang”, der zu Ernstings Zeit jedoch bereits verstorben war, wie der Zusatz “Hochsel. Andenkens” dem Leser mitteilt. Um welche Grafschaft geht es denn nun konkret und wer war dieser Graf Albrecht Wolfgang, dem die beiden Steinhuder Weber ihre Hemden präsentierten?

By Ziegelbrenner [GFDL (http://www.gnu.org/copyleft/fdl.html), CC-BY-SA-3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/) or CC BY 2.5 (http://creativecommons.org/licenses/by/2.5)], via Wikimedia Commons
Territoriale Ausdehnung der Grafschaft (hier schon Fürstentum) Schaumburg-Lippe
Ganz im Norden – Die Zugehörigkeit Steinhudes

Vor der Gründung des Deutschen Kaiserreichen 1871 bestand das Gebiet, was wir heute als Deutschland bezeichnen, aus einer Vielzahl größerer und kleinerer eigenständiger Verwaltungseinheiten, denen jeweils ein weltlicher oder geistlicher Landesherr unterschiedlicher Titulatur vorstand. Territoriale Ausdehnung, Bezeichnung und Titel der jeweiligen Landesherren unterlagen dabei über die Jahrhunderte einem ständigen Wandel.

Obwohl Steinhude heute als Stadtteil von Wunstorf zur Region Hannover gehört, war der zuständige Landesherr hier im 18. Jahrhundert keineswegs der Kurfürst in Hannover. Zu Wunstorf kam Steinhude gar erst durch die Gebietsreform von 1974. Im 18. Jahrhundert gehörte der Flecken Steinhude vielmehr zum Amt Hagenburg, das wiederum eine Verwaltungseinheit der Grafschaft Schaumburg-Lippe stellte. Steinhude lag ganz im Norden dieser Grafschaft, so dass es zwangsläufig zu regen (Handels)Austausch mit den ausländischen Gemeinden rund um das Steinhuder Meer aber auch darüber hinaus kam. Die nächste Weberzunft innerhalb der Grafschaft lag übrigens im knapp 20km entfernten Stadthagen, welches zum gleichnamigen, südlich an Hagenburg angrenzenden Amt gehörte.

Geschichte der Grafschaften

Auch die Grafschaft Schaumburg-Lippe war kein ewiges Konstrukt, zu Johan Bühmanns Zeiten existierte sie nicht einmal hundert Jahre. Im 17. Jahrhundert gehörte das Gebiet erst zur Grafschaft Schaumburg. In der Zeit des Dreißigjährigen Krieg von 1618 bis 1648 wurde die Grafschaft Schaumburg 1640/ 1646 in zwei Grafschaften geteilt: Die Grafschaft Schaumburg, die in Personalunion mit Hessen-Kassel stand, sowie in die Grafschaft Schaumburg-Lippe. Fortan gingen beide gänzlich unterschiedliche Wege: Während die Grafschaft Schaumburg von Preußen annektiert wurde und zusammen mit der gesamten umliegenden Landgrafschaft Hessen-Kassel zu 1866 zu Hessen-Nassau wurde, trat Schaumburg-Lippe unter dem Grafen Georg Wilhelm 1807 dem auf Initiative Napoleon Bonapartes gegründeten Rheinbund bei und wurde zum Fürstentum ernannt. Damit traten sie aus dem Verband des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nationen aus. 1815 trat es dem Deutschen Bund bei, bis 1945 war es Teil des deutschen Reiches.

Die Grafen

Ausschnitt eines Ölgemälde(etwas 1745) mit dem Porträt des Albrecht Wolfgang Graf zu Schaumburg-Lippe. Maler: Johann Heinrich Tischbein der Ältere.
Ausschnitt eines Ölgemälde(etwas 1745) mit dem Porträt des Albrecht Wolfgang Graf zu Schaumburg-Lippe. Maler: Johann Heinrich Tischbein der Ältere.
Kommen wir aber auf die Ausgangsfrage zurück: wer war dieser Graf Albrecht Wolfgang, dem die beiden Steinhuder Weber ihre Hemden präsentiert haben? Zu Lebzeiten Johan H. Bühmanns regierten  insgesamt drei Grafen zu Schaumburg-Lippe:

1681 – 1728 Friedrich Christian

1728 – 1748 Albrecht Wolfgang

1748 – 1777 Wilhelm (der Erbauer der Festung Wilhelmsstein im Steinhuder Meer)

Diese finden sich auch in den Quellen zur Geschichte des Hemds. So war es Graf Friedrich Christian, der den Steinhuder Webern als erstes das Zunftprivileg gewährte. Als Friedrich Christian im Juni 1728 verstarb, wurde sein Sohn Albrecht Wolfgang sein Nachfolger. Diesem, wie Ernsting ganz korrekt anmerkt, 1765 bereits verstorbenen Grafen präsentierten nun Bretthauer und Bühmann ihre jeweiligen Hemden. Aber kann dies stimmen? Johan Bühmann erscheint zum ersten Mal im April 1728 mit einer Einschreibgebühr im Rechnungsbuch der Gilde. Wenn dies das Datum seiner Eintragung als Meister sein sollte, dann  müsste er sein Hemd vor diesem Datum gewebt haben. Müssten folgerichtig nicht sowohl Bretthauer als auch Bühmann ihre Hemden jeweils dem Grafen Friedrich Christian präsentiert haben? Und wenn ja, warum nennt Ernsting den Grafen Albrecht Wolfgang?

Ganz sicher stimmt hier etwas mit Ernstings Geschichte nicht, über die Gründe hierfür kann in Ermangelung sicherer zeitnaher Quellen jedoch höchstens spekuliert werden. So könnte man vermuten, dass Bretthauer mit seinem Hemd beim Grafen die Qualität der Steinhuder Weberei beweisen und möglicherweise Argumente für die Einrichtung der Gilde liefern wollen (Zu nahtlosen Hemden als Werbung, siehe hier ). Vielleicht steckt hier aber auch ein Hinweis darauf, dass die chronologischen Abläufe vielleicht etwas anders waren, als Ernsting es uns glauben lassen will. Die Frage wäre dann: Cui bono?*

St.K./ I.R.

*Wem zum Vorteil?

Advertisements

Ein Gedanke zu “Ein Hemd für den Landesherren – Steinhude und die Grafen zu Schaumburg-Lippe

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s