Nahtlosigkeit entzaubert! J. Braunius, die Reformation und was das alles mit Johan H. Bühmann zu tun hat

„Wie ist man gelaufen zu den Wallfahrten! […] Was thät allein die neue Bescheißerei zu Trier, mit Christus Rock? Was hat hie der Teufel großen Jahrmarkt gehalten in aller Welt, und so unzählige falsche Wunderzeichen verkauft? […] Und das noch das Allerärgest ist, daß sie die Leute hiemit verführet und von Christo gezogen haben, auf solche Lügen zu trauen und bauen […]“

Luther, Warnung an die Lieben Deutschen 1545

Reliquienverehrung und Wallfahrten waren den Reformatoren ein Graus. Zum Heiligen Rock in Trier fand Martin Luther daher auch sehr deutliche Worte: Die „Bescheißerei zu Trier“ war ihm gänzlich zu wider. Gleichzeitig wird deutlich, welche Bekanntheit die Trierer Reliquie in dieser Zeit schon erreicht hatte. Über die Orendel-Geschichte als mögliche PR-Maßnahme wurde ja schon letzte Woche berichtet, die von Luther erwähnten Wallfahrten waren aber jüngeren Datums. Erst ab 1512, nachdem Kaiser Maximilian I auf dem Reichstag zu Trier den Rock zu sehen verlangte,  wurde die Reliquie öffentlich präsentiert, regelmäßige Wallfahrten fanden dann zwischen 1517 und 1547 statt und wurden erst 1810 wieder aufgenommen. Was war passiert? Hat Johan Bühmann den Heiligen Rock vielleicht gar nicht gekannt?

Dies ist unwahrscheinlich. Grund für das Aussetzen der regelmäßigen Wallfahrten war neben kriegerischen Konflikten auch die Kritik der Reformatoren und die sich daraus entwickelnden Auseinandersetzungen. Der Rock wurde infolgedessen 1628 auf die Festung Ehrenbreitstein in Koblenz verbracht, wo er bis zum Ende des 18. Jh. verblieb und nur wenigen Besuchern zugänglich war. Vergessen war er deshalb nicht. Drucke, wie ein Kupferstich mit französischer Beischrift aus dem frühen 18. Jh. in der Ausstellung belegt, kursierten auch noch zur Zeit Johans, wenngleich natürlich nicht in protestantischen Gebieten. Es kann aber davon ausgegangen werden, dass dort die seltsame Reliquie zumindest als negatives Beispiel katholischer Religionspraxis bekannt war. Der Rock zu Trier barg für die Reformatoren und reformierten Theologen aber noch ein weiteres Problem fernab vom Vorwurf der Götzenanbetung, wie ihn Calvin formulierte.

Der entzauberte Rock

Dje Kriegsknechte aber / da sie Jhesum gecreutziget hatten/ namen sie seine Kleider/ vnd machten vier Teile/ einem jglichen Kriegsknechte ein teil / da zu auch den Rock. Der Rock aber war vngenehet/ von oben an gewircket / durch vnd durch.

Joh. 19.23 ( Übers. nach Lutherbibel 1545)

Ungenäht und durch und durch gearbeitet – das waren die Attribute des Rockes Jesu, wie es Luther in seiner Übersetzung des Johannes-Evangeliums beschrieb. Die Trierer Reliquie baute ihre Anziehungskraft zum große Teil auch darauf auf: einzigartig, unverletzt, Symbol der Einheit. Gegen diese Aura der Einzigartigkeit wandte sich 1680 in seinem Werk „Vestitus Sacerdotum Hebraeorum“  der reformierte Theologe Johannes Braun. Braun, 1628 in Kaiserslautern geboren, hatte bei dem protestantischen Theologen Johannes Coccejus in Leiden studiert und war 1665 in Nijmegen und dann ab 1680 in Groningen Professor für Theologie und hebräischen Sprache. In oben genannten Werk, das mehrfach nachgedruckt wurde, beschäftigte sich Braun mit der Kleidung jüdischer Priester (d.h. vor der Zerstörung des Jerusalemer Tempels 70 n.Chr.) und kam zu dem Schluss, dass das Gewand Jesu keine Besonderheit darstellte. Nicht nur, dass er ein indisches nahtloses Hemd finden konnte, er konstruierte auch einen Webstuhl, an dem sich angeblich ganz einfach ein nahtloses Hemd weben ließ. Diese Feststellung war ihm so wichtig, dass sie auf dem Titelkupferstich des Werkes erscheint.

Titelkupfer Braun Repro Leib Bib
Titelkupferstich, entnommen: J. Braunius, Be-gede kohanim/ De vestitu sacerdotum hebraeorum, Amsterdam 1688 (Abbildung: Gottfried Wilhelm Leibniz Bibliothek – Niedersächsische Landesbibliothek, Hannover)
Der Kupferstich lässt sich grob in zwei große Bildfelder teilen, die inhaltlich verbunden sind. Lateinische und hebräische Beischriften identifizieren die einzelnen abgebildeten Objekte klar.  Zeigt das untere, in drei Spalten geteilte Bildfeld im zentralen Teil zwei jüdische Priester im rekonstruierten Ornat, links und rechts  umgeben von Abbildungen der einzelnen Ornatsbestandtteile, enthält das obere Bildfeld neben der Nennung von Autor und Titel die Grundstoffe, aus denen dieses Ornat besteht und eben eine Abbildung jenes besonderen Webstuhls, der nahtloses Weben ermöglichen sollte. Braun gibt an, er habe an so einem Webstuhl selbst ein Hemd anfertigen  lassen, allerdings wird die Funktionsfähigkeit von modernen Webfachleuten eher bezweifelt.

Ist dieser Webstuhl vielleicht in Steinhude in Gebrauch gewesen? Ganz abgesehen von der Frage nach Funktionsfähigkeit und – unfähigkeit mussten die Leser Brauns des Lateinischen (und z.T. des Hebräischen) mächtig sein, um seiner Argumentation und den Ideen folgen zu können. Adressat war ein theologisch interessiertes und gebildetes Publikum, nicht die handwerklich tätigen Weber. Die Frage ist also eher zu verneinen. Ganz deutlich werden aber auch im Fall Brauns die Kombination aus Faszination und technischer Schwierigkeit, die mit der Herausforderung einhergehen, ein nahtloses Hemd zu weben. Geht es Braun darum zu zeigen, wie einfach ein nahtloses Hemd wie das Trierer gewebt werden kann, zeigt er doch gleichzeitig in seiner Webstuhlkonstruktion die Schwierigkeiten.  In katholischen wie protestantischen Gebieten blieb die nahtlose Weberei etwas Besonderes und gerade in letzteren auch eine besondere Herausforderung.

St.K.

PS: Wer sich inhaltlich für Kleidung und Textilproduktion zu biblischen Zeiten interessiert, dem sei der Artikel von Sabine Kersken auf bibelwissenschaften.de ans Herz gelegt. Hier wird auch noch einmal verdeutlicht, welche Kleidungsformen (Stichwort: Chiton) es zu dieser Zeit gab und wie sich z.B. rundgewebte Textilien herstellen ließen.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s