Das nahtlose Hemd – Stoffe für Geschichte(n)

Am 29. November endete die Sonderausstellung rund um das nahtlose Meisterwerk des jungen Steinhuder Webers Johan Hendrick Bühmann. An dieser Stelle möchte sich deshalb zunächst das ganze Ausstellungsteam herzlich für die vielen interessierten Besucher bedanken und für die durchweg gute Resonanz, die die Ausstellung besonders aus Fachkreisen bekommen hat.

Stoff für Geschichten bot das Hemd ohne Naht – unser HoN – tatsächlich. Schon zu Lebzeiten Johan Bühmanns beginnt die Legendenbildung –  vor allem um die Motivation des jungen Webers. Warum wagt es Johan, statt die üblichen Wanderjahre als Geselle abzuleisten, das als unwebbar geltende Hemd eben doch zu weben? Entgegen der Zunftregeln wendet er sich mit dem Meisterstück direkt an den Landesfürsten. Konkurrenz, Armut und Existenzbedrohung, der Wunsch, etwas Besonderes zu schaffen – vielleicht war ja auch wirklich die Liebe im Spiel und Johan musste den etablierten Webermeistern erst seinen Wert beweisen, bevor er seine Anna Catherina heiraten konnte. Eine schöne Geschichte ist dies allemal. Wie im Rahmenprogramm der Ausstellung anschaulich dargestellt, beschäftigt das Thema noch heute und wurde zuletzt für junge Leser ausgearbeitet.

Das nahtlose Hemd in Steinhude ist aber auch ein Zeugnis der Geschichte und so spärlich die historischen Quellen zu Johan H. Bühmann auf den ersten Blick aussehen mögen (Link zum Blogeintrag), hat die Beschäftigung mit dem nahtlosen Hemd doch eine Menge neuer Erkenntnisse auf den Weg gebracht.  Durch die wissenschaftliche Untersuchung des Hemdes durch die Textilrestauratorin Frau Eva Jordan-Fahrbach sind wir jetzt deutlich besser über das Vorgehen Johans beim Weben im Bilde. Aber nicht nur das. Auch die genaue Sichtung der Quellen hat einiges klarer erscheinen lassen, was zuvor unter dem Nebel von Geschichten verborgen lag und gleichzeitig viele spannende Fragen aufgeworfen.

An dieser Stelle sei auch auf die vielen kleinen Dinge hingewiesen, mit denen die Vorbereitung und Durchführung solcher Ausstellungen – auch um solche Lernprozesse ging es ja hier im Blog und für das Projektteam – die Sicht auf Dinge verändern können:

Da hört man ein Lied, das man schon 100mal gehört hat und springt plötzlich vom Sofa, weil da ein nahtloses Hemd vorkommt…. und man das sofort an die Projektgruppe weiterleiten muss… und das auf jeden Fall ins Liederbuch der Ausstellung gehört… und danach hört man das Lied gerne noch 100mal, auch wenn man jetzt doch immer wieder an Johan erinnert wird.

Oder man macht ein solches Projekte auch, weil es gut im Lebenslauf aussieht. Gerade für Studierende ist es wichtig, in allen möglichen Arbeitsfeldern “mal was gemacht zu haben” und dabei im besten Fall ein Berufsfeld für sich zu finden. Das Beste an der Mitarbeit ist trotzdem, die Eltern durch “seine” Ausstellung zu führen, damit man zumindest einmal anschaulich zeigen kann, wofür das Studium gut ist.

Oder man kauft im Trierer Dom plötzlich Kerzchen für die Kollegen, weil da ja auch ein nahtloses Hemd drauf ist, mit dem heiligen Rock sogar ein ziemlich Berühmtes. Und dann denkt man sich: aber unseres ist ja doch weißer nach dem Waschen!

Ja. So einiges denkt man. Aber man denkt auch daran – wie geht es nun weiter? War es das schon?

So viel konnten wir anstoßen, wir konnten sehr viel Neues herausfinden. Und dennoch sehen wir, dass der Weg noch nicht zu Ende gegangen ist. Vielleicht sind diese Unklarheiten, die wir gerade nach der Ausstellung immer noch  – beziehungsweise wieder – haben, die größte Errungenschaft und Erkenntnis: Es gibt immer noch viel zu Erforschen am “Hemd ohne Naht”. Daher stellen wir diesen Blog nicht komplett ein, sondern behalten uns vor, weitere Einträge nach Bedarf und Erkenntnisstand zu publizieren. Sicherlich kehrt jetzt erst mal für ein paar Monate Ruhe ein. Aber ganz ehrlich: da kommt noch was!


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Nahtlosigkeit entzaubert! J. Braunius, die Reformation und was das alles mit Johan H. Bühmann zu tun hat

„Wie ist man gelaufen zu den Wallfahrten! […] Was thät allein die neue Bescheißerei zu Trier, mit Christus Rock? Was hat hie der Teufel großen Jahrmarkt gehalten in aller Welt, und so unzählige falsche Wunderzeichen verkauft? […] Und das noch das Allerärgest ist, daß sie die Leute hiemit verführet und von Christo gezogen haben, auf solche Lügen zu trauen und bauen […]“

Luther, Warnung an die Lieben Deutschen 1545

Reliquienverehrung und Wallfahrten waren den Reformatoren ein Graus. Zum Heiligen Rock in Trier fand Martin Luther daher auch sehr deutliche Worte: Die „Bescheißerei zu Trier“ war ihm gänzlich zu wider. Gleichzeitig wird deutlich, welche Bekanntheit die Trierer Reliquie in dieser Zeit schon erreicht hatte. Über die Orendel-Geschichte als mögliche PR-Maßnahme wurde ja schon letzte Woche berichtet, die von Luther erwähnten Wallfahrten waren aber jüngeren Datums. Erst ab 1512, nachdem Kaiser Maximilian I auf dem Reichstag zu Trier den Rock zu sehen verlangte,  wurde die Reliquie öffentlich präsentiert, regelmäßige Wallfahrten fanden dann zwischen 1517 und 1547 statt und wurden erst 1810 wieder aufgenommen. Was war passiert? Hat Johan Bühmann den Heiligen Rock vielleicht gar nicht gekannt?

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In eigener Sache: Wie die Zeit vergeht…

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(Vorbemerkung: Der inhaltliche Beitrag zur Ausstellung erscheint morgen!)

Fast drei Monate ist es nun her, dass die Ausstellung „Stoff für Geschichte(n) – Das Hemd ohne Naht“ ihre Tore für die Besucher öffnete: am 26.08. konnten wir zahlreiche Gäste zur feierlichen Eröffnung begrüßen. Mit dem Herannahen der Weihnachtszeit (Tipp: Nostalgische Weihnacht) rückt nun auch das Ende unserer Ausstellung immer näher. Bis diesen Sonntag, den 29. November, besteht noch die Gelegenheit, die spannenden Geschichten rund um Johan und sein Hemd zu entdecken und zu erforschen.

k-IMG_4923Die am letzten Ausstellungstag geplante Finissage muss jedoch leider ausfallen, da die Präsentation der Chemnitzer GERMENS by Gregor & René unglücklicherweise nicht stattfinden kann. Dies bedauern sie sehr und wir schicken stattdessen beste Wünsche nach Chemnitz.

Lasst euch aber trotzdem nicht eure letzte Chance entgehen und kommt zahlreich! Die Ausstellung ist am Wochenende noch zu den Öffnungszeiten der Steinhuder Museen (13-17 Uhr) geöffnet. Wir freuen uns auf euch!

Lest morgen: Nahtlosigkeit entzaubert! H. Braunius, die Reformation und was das alles mit Johan H. Bühmann zu tun hat.

St.K. / H.B.

No seam or needlework

Wie kommt jemand auf die Idee, ein nahtloses Hemd zu weben? Für Johan Bühmann kennen wir bereits einige direkte Vorbilder. Mit Sicherheit den Steinhuder Webermeister Bretthauer, der ja die ersten beiden Versuche unternommen hatte, ein nahtloses Hemd zu weben, womit er „zu der Zeit viel Aufsehens“ machte und „frischete andere mit guter Arbeit an“ wie es A.C. Ernsting 1765/6 ausdrückte. Relativ sicher bekannt war in Weberkreisen der Gegend auch die 1644 gewebte nahtlose Jacke des Bremer Webers Hermann von Höffeln, war der Stoffmarkt in Bremen doch wichtig für die Region. Generell sind Märkte aber nicht nur rein merkantile Handelsplätze, sondern auch soziale Treffpunkte, wo neueste Informationen, Klatsch und Tratsch, aber auch Geschichten und Lieder im Beisammensein ausgetauscht werden können. Dies ist umso spannender, da je nach Markt und seiner Bedeutung für den lokalen oder überregionalen Handel hier Menschen ganz unterschiedlicher Herkunft zusammen kommen und ihre Geschichten erzählen. Auch Geschichten von nahtlosen Hemden? Vielleicht, sicher beantworten könnten uns das nur Johan Bühmann und Johan Bretthauer. Was können aber norddeutsche Weber in den kleineren und größeren Märkten gehört haben, wenn sie Händler aus den umliegenden Gegenden und Gebieten rund um die Nordsee getroffen haben? Werfen wir daher einen Blick in Geschichten und Lieder, rund um nahtlose Hemden:

 

Der Heilige Rock – Nahtlose Hemden in deutschen Landen

Der Heilige Rock in Trier

Im deutschsprachigen Raum spielen Hemden in Märchen und Sagen oft eine wichtige Rolle, man denke nur an die Geschichte der sechs Schwäne. Nahtlos sind diese jedoch nicht. Tatsächlich findet sich der Aspekt der „Nahtlosigkeit“ bei Hemden eher mit einem besonderen Exemplar verbunden: dem nahtlosen Hemd Jesu (Joh 19,23-24). Diese Passage war allgemein bekannt, gehörte sie doch zur österlichen Passionsgeschichte. Inspiration für die Dichtung lieferte aber vor allem die ab Ende des 12. Jh. urkundlich bezeugte Reliquie des Hemdes Jesu, der sogenannte „Heilige Rock“ in Trier (zu diesem bald mehr). Wohl nicht zufällig zur gleichen Zeit, d.h. Ende des 12. Jh. entstand ein mittelhochdeutsches Epos um den Trierer Königssohn Orendel. Dieser Orendel trägt in der Schlacht den grauen Rock Christi, dem eine schützende Qualität zugesprochen wird. Mit dem Epos scheint versucht worden zu sein, die Bekanntheit und Bedeutung der Reliquie über die Grenzen Triers hinaus zu steigern. Wallfahrt-Promotion auf mittelalterliche Art. Tatsächlich wurde die Geschichte über die Jahrhunderte weitertradiert. Eine neuhochdeutsche Übersetzung brachte allerdings erst 1845 Karl Joseph Simrock heraus.

 

Und wieder Schottland – The Elfin Knight & der Scarbourough Fair

Wie wir schon im Bezug auf die schottischen Hemden berichteten, verbindet sich das Motiv des nahtlosen Hemdes dort mit etwas anderen Aspekten. Es geht hier weniger um die eine christliche Deutung als um eine (beinahe) unlösbare Aufgabe, für die hohes technisches Können erforderlich ist. Ein nahtloses Hemd als unlösbare Aufgabe findet sich bereits in dem ca. 1620 zuerst schriftlich fixierten Lied “The Elfin Knight”, dessen Ursprünge in Schottland liegen dürften. Die schottische Ballade ist auch bekannt unter „The wind has blown my plaid away“. Hier dient das Hemd als Vorbedingung, um eine Ehe einzugehen, war doch ein Hemd als Geschenk an den Verlobten in dieser Zeit durchaus üblich. Die früheste Version des Textes klingt jedoch bedeutend unromantischer, droht in ihr doch ein böser Elf einer jungen Frau mit Entführung, wenn sie ihm nicht ein nahtloses Hemd webe. In späteren Versionen – wie auch im heute populären Scarbourough Fair – ist es dann ein Liebespaar, das sich gegenseitig unlösbare Aufgaben stellt. Das an der Wende zum 18. Jh. im englischsprachigen Raum sehr populäre Lied entwickelte sich über die Zeit immer weiter. Um 1780 taucht eine Variante auf, die sehr nah an den Text des späteren Scarbourough Fair heranreicht. Hier erscheint zum ersten Mal das cambric shirt. Cambric, zu Deutsch Batist, ist ein sehr feinfädiger, leichter Stoff, der erst gegen Ende des 18. Jh. in England aufkommt. Ab 1800 finden sich über ganz Großbritannien und letztlich auch Nordamerika verteilt Liedvarianten, in denen ab 1879 zum ersten Mal gesichert ein Markt (der Whittingham Fair) erwähnt wird. Ende des 19. Jh. notierte Francis James Child dann auch in seinem 1882 bis 1898 erschienen Werk „The English and Scottish popular ballads“ ganze sieben Varianten (No. 2, A-M) des Elfin Knight. (Mehr zur Geschichte der Liedergruppe hier)

 

Inte är hon sömmad av nål eller trå, Men virkad af silket det hvita.

Außerhalb des englischsprachigen Raumes finden sich nahtlose Hemden auch in der skandinavischen Liedtradition, hier spielt jedoch das Material eine große Rolle, handelt es sich doch vornehmlich um seidene und damit besonders kostbare Hemden. Diesen wird, wie im Fall des legendären Wikingerkönigs Ragnar Lodbrock (wohl 9. Jh. n.Chr.), eine besondere Schutzfunktion zugeschrieben, ähnlich dem Grauen Rock Orendels. Carl Friedrich Wilhelm Rußwurm lässt in seinem 1842 erschienenen Buch – im Folgenden ein Auszug aus einer modernen Nacherzählung – „Nordische Sagen. Der deutschen Jugend erzählt und mit einem wissenschaftlichen Anhange versehen“ dann auch Ragnars Frau ihm das Hemd mit folgenden Worten überreichen:

Nimm hier dies Hemd von Seide,

Nirgend ist’s genähet,

Mit liebevoller List gewoben

Aus feinen grauen Fäden,

Dir bluten nicht die Wunden,

Die Schwerter Dich nicht schneiden

Im heiligen Gewände,

Das Göttern ist geweihet.

Ein ungenähtes Hemd als Gunstbeweis und Hochzeitgeschenk – ähnlich den englischen Liedern – bietet hingegen die Trollin dem christlichen Ritter im schwedischen Lied “Herr Mannelig” (zum Text) an. Dieses wurde 1877 zum ersten Mal notiert, die verwendete Sprachform lässt jedoch eine Entstehung im späten 18. Jh. vermuten. Neben einer Reihe von anderen kostbaren Gaben versucht sie ihn mit dem nahtlosen Hemd aus weißer Seide für sich zu gewinnen, der Ritter lehnt die geforderte Heirat jedoch ab, da sie keine christliche Frau sei. Stoff und Herstellungsart des Hemds betonen hier vor allem die außergewöhnliche Qualität des Geschenks – und die sittlich-moralische Beständigkeit des Ritters, der sich von solchen Kostbarkeiten nicht verführen lässt.

Viel Stoff für Geschichten also, um sich nach getaner Arbeit die Zeit zu vertreiben und auf neue Gedanken zu kommen.

St.K.

PS: Alle Texte der Lieder, Gedichte und Prosastücke finden sich auch im „Liederbuch“ in unserer Ausstellung. Für alle, die jetzt gerade einen dunklen und ungemütlichen Novemberabend im Jahr 2015 zu Hause verbringen, hier aber eine der Geschichten:

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Wanderjahre und Walz – damals und heute

“Das muss ein schlechter Müller sein, dem niemals fiel das Wandern ein…”

Die Wanderjahre oder Walz waren für Gesellen in den meisten Handwerksberufen bis ins 19. Jh. hinein verpflichtend, um die Meisterwürde zu erhalten und als vollwertiges Mitglied in die Zunft ausgenommen zu werden.

Umso erstaunlicher ist es, dass der junge Weber Johan Henrich Bühmann diese Wanderschaft nicht antritt, sondern sich mit seinem herausragenden Meisterstück, dem Hemd ohne Naht, direkt an den Landesfürsten wendet, um diese Auflage zu umgehen. Die schon zu Bühmanns Lebzeiten einsetzende Legendenbildung gibt eine rührende Erklärung: Der treue Sohn habe seine kranke, lahme Mutter nicht alleine mit dem Hof zurücklassen können. Da Johans Eltern Jahre später bei seiner Hochzeit beide noch leben, ist diese Erklärung nicht richtig, aber sie wird einen wahren Kern besitzen: Sicher wäre es ein herber Verlust gewesen, wenn der Sohn als Arbeitskraft auf dem verschuldeten Hof für drei Jahre ins Ausland zieht.

Die Tradition, als Geselle ein paar Jahre zu wandern, bevor man sich als Meister niederlässt, stammt aus dem 14. Jh. und wurde besonders im 15. und 16. Jh. zum Teil des sozialen Lebens der Handwerker. Die Gesellen einiger Berufe organisierten sich in dieser Zeit überregional in Verbänden, die das Wandern der gut ausgebildeten Fachkräfte erleichterten, die Gesellen eigener Rechtsprechung unterwarfen, sie gegen die zünftig in den Städten organisierten Meister stärken sollten und dadurch auch politische Faktoren wurden. Gerade zu Zeiten, wenn in den Städten Mangel an Fachkräften herrschte, konnte eine Gesellenvereinigung, zum Beispiel durch Streiks, einiges bewirken. Die Gesellen stellten nach Schätzungen immerhin etwa ein Viertel bis ein Drittel der arbeitenden Bevölkerung!

Wandergesellen in Kluft

Noch heute sind die Wanderjahre, die sogenannte Tippeltour, eine handwerkliche Tradition. Sie sind aber keine Pflicht mehr, so dass auch wenn nach Einschätzung der Handwerkskammern und der Schächte genannten Gesellenvereinigungen die Zahlen seit den 70er Jahren wieder steigen, jedes Jahr nur ein paar wenige hundert junge Männer und Frauen unterwegs sind. Den meisten Menschen ist sicher trotzdem schonmal ein Geselle auf “Tippeltour” in seiner Zunftkleidung aufgefallen, mit schwarzer Schlaghose und Weste (schwarz ist die Farbe der holzverarbeitenden Berufe, wie Tischler und Zimmerleute, wird heute aber gelegentlich auch von anderen Wandergesellen getragen).

Stenz mit Charlottenburger – Marschgepäck auf der Walz

Außer der Kluft gehört zur Ausstattung eines Wandergesellens auch der Stenz, der Wanderstab und das bunte, Charlottenburger oder Berliner genannte Tuch, in den das wenige Hab und Gut eingeschlagen wird.

Traditionell hieß es früher, dass der Geselle mit fünf Mark auszieht und mit fünf Mark zurückkommt, reich wird man auf Wanderschaft nicht. Früher haben die Gesellen ihre Arbeit in der Fremde – der Bereich 50km um die Heimatstadt ist während der Walz tabu – nur gegen Kost und Logis angeboten, heute wird sie teilweise auch tariflich entlohnt, je nach Meister.

Die Wanderschaft, die zwischen zwei und drei Jahren dauern kann, soll vor allem zur Erweiterung des Horizontes dienen, zum lernen. Dabei bleibt sie aber beschwerlich: der Geselle kann nur das Nötigste mit auch die Wanderschaft nehmen, er darf traditionell nur kostenlose Transportmittel benutzen, also wandern oder trampen und unterwegs muss man zusehen, wo man unterkommt: im Sommer vielleicht eine Nacht in einer Scheune, bei Bekannten, bei Freunden von Freunden oder wo es so etwas gibt, in einer Gesellenherberge. Ein bezahltes Zimmer darf man sich eigentlich nicht nehmen, aber manchmal ist es unvermeidlich.

In einer Stadt auf der Reise geht der erste Weg meist zur Handwerkskammer. Dort gibt es einen Stempel ins Reisebuch und der Zehnpfennig, eine kleine Reiseunterstützung, bessert die leere Reisekasse auf. Dann folgt die Suche nach einem Betrieb, bei dem man Vorsprechen kann. Über das genaue Ritual bewahren die Gesellen Stillschweigen, es wird nur mündlich überliefert und nicht nur Frage und Antwort, sondern auch Haltung und Gesten spielen dabei eine Rolle. Immerhin muss der Meister den Fremden vertrauen können, oft lässt er sie bei sich wohnen. Damals wie heute werden die Gesellen von ihrem Berufstand dazu angehalten, sich auf der Wanderschaft ehrbar zu verhalten, um nicht sich und alle Kollegen in Verruf zu bringen. So gilt auch noch, dass man nur auf Wanderschaft gehen darf, wenn man ledig und kinderlos ist und keine Schulden hat – die Tippeltour soll keine Flucht vor Verantwortung sein.

Bei Johan H. Bühmann scheint es gerade eine gewisse Verantwortung gewesen zu sein, die ihn zu Hause hielt anstatt auf Wanderschaft zu gehen. Seine erfolgreiche “Rebellion” gegen die Zunftregeln der Meister in Steinhude könnte man dabei als durchaus im Sinne der Gesellenvereinigungen der frühen Neuzeit verstehen – und noch in der DDR war die Walz verboten, weil sie als zu unkontrolliert und zu politisch galt.

H.B./C.W.

Ein Hemd für den Landesherren – Steinhude und die Grafen zu Schaumburg-Lippe

Die Geschichte der Steinhuder Hemden ohne Naht hängt eng mit den Landesherren Steinhudes zusammen. So berichtet es zuerst 1765 oder 1766 der Apotheker und Schriftsteller Arthur Conrad Ernsting in seiner Schrift „Kurtze, historische und physikalische Nachricht von dem Steinhuder Meer“:

Der erste Meister so ein Hembd gewebet, war der schon längst verstorbene Joh. Hinrich Bratthauer, als dieser das eine Hembd fertig hatte, das schlecht gerathen war, so webete er noch eins, und solches präsentierte er seinem Gnädigsten Landes-Herrn, dem Herrn Graf Albrecht Wolfgang, Hochsel. Andenkens. […] Dieses machte zu der Zeit viel Aufsehens und frischete andere mit guter Arbeit an: wie sich denn auch gleich darauf noch einer fand, der durch vieles Nachsinnen ebenfalls ein gantz fertiges Hembd webete, und dieses ist der annoch lebende Altar-Mann J. Hinrich Bühmann. […]Diesen Bühmann, welcher dero Zeit ein Jüngling von 17 Jahren war, wolte die damalige neue Leinweber-Gilde nicht vor einen Meister erkennen, darauf er so gleich noch ein Hembd webete, und solches ebenfals seinen gnädigsten Landes-Herren präsentierte, darauf er sogleich ohne Widerrede Meister bey der Gilde wurde.

Die beiden Steinhuder Weber Bretthauer und Bühmann präsentierten laut Ernsting ihre Hemden dem Landesherren Steinhudes, dem „Herrn Graf Albrecht Wolfgang”, der zu Ernstings Zeit jedoch bereits verstorben war, wie der Zusatz “Hochsel. Andenkens” dem Leser mitteilt. Um welche Grafschaft geht es denn nun konkret und wer war dieser Graf Albrecht Wolfgang, dem die beiden Steinhuder Weber ihre Hemden präsentierten?

By Ziegelbrenner [GFDL (http://www.gnu.org/copyleft/fdl.html), CC-BY-SA-3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/) or CC BY 2.5 (http://creativecommons.org/licenses/by/2.5)], via Wikimedia Commons
Territoriale Ausdehnung der Grafschaft (hier schon Fürstentum) Schaumburg-Lippe
Ganz im Norden – Die Zugehörigkeit Steinhudes

Vor der Gründung des Deutschen Kaiserreichen 1871 bestand das Gebiet, was wir heute als Deutschland bezeichnen, aus einer Vielzahl größerer und kleinerer eigenständiger Verwaltungseinheiten, denen jeweils ein weltlicher oder geistlicher Landesherr unterschiedlicher Titulatur vorstand. Territoriale Ausdehnung, Bezeichnung und Titel der jeweiligen Landesherren unterlagen dabei über die Jahrhunderte einem ständigen Wandel.

Obwohl Steinhude heute als Stadtteil von Wunstorf zur Region Hannover gehört, war der zuständige Landesherr hier im 18. Jahrhundert keineswegs der Kurfürst in Hannover. Zu Wunstorf kam Steinhude gar erst durch die Gebietsreform von 1974. Im 18. Jahrhundert gehörte der Flecken Steinhude vielmehr zum Amt Hagenburg, das wiederum eine Verwaltungseinheit der Grafschaft Schaumburg-Lippe stellte. Steinhude lag ganz im Norden dieser Grafschaft, so dass es zwangsläufig zu regen (Handels)Austausch mit den ausländischen Gemeinden rund um das Steinhuder Meer aber auch darüber hinaus kam. Die nächste Weberzunft innerhalb der Grafschaft lag übrigens im knapp 20km entfernten Stadthagen, welches zum gleichnamigen, südlich an Hagenburg angrenzenden Amt gehörte.

Geschichte der Grafschaften

Auch die Grafschaft Schaumburg-Lippe war kein ewiges Konstrukt, zu Johan Bühmanns Zeiten existierte sie nicht einmal hundert Jahre. Im 17. Jahrhundert gehörte das Gebiet erst zur Grafschaft Schaumburg. In der Zeit des Dreißigjährigen Krieg von 1618 bis 1648 wurde die Grafschaft Schaumburg 1640/ 1646 in zwei Grafschaften geteilt: Die Grafschaft Schaumburg, die in Personalunion mit Hessen-Kassel stand, sowie in die Grafschaft Schaumburg-Lippe. Fortan gingen beide gänzlich unterschiedliche Wege: Während die Grafschaft Schaumburg von Preußen annektiert wurde und zusammen mit der gesamten umliegenden Landgrafschaft Hessen-Kassel zu 1866 zu Hessen-Nassau wurde, trat Schaumburg-Lippe unter dem Grafen Georg Wilhelm 1807 dem auf Initiative Napoleon Bonapartes gegründeten Rheinbund bei und wurde zum Fürstentum ernannt. Damit traten sie aus dem Verband des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nationen aus. 1815 trat es dem Deutschen Bund bei, bis 1945 war es Teil des deutschen Reiches.

Die Grafen

Ausschnitt eines Ölgemälde(etwas 1745) mit dem Porträt des Albrecht Wolfgang Graf zu Schaumburg-Lippe. Maler: Johann Heinrich Tischbein der Ältere.
Ausschnitt eines Ölgemälde(etwas 1745) mit dem Porträt des Albrecht Wolfgang Graf zu Schaumburg-Lippe. Maler: Johann Heinrich Tischbein der Ältere.
Kommen wir aber auf die Ausgangsfrage zurück: wer war dieser Graf Albrecht Wolfgang, dem die beiden Steinhuder Weber ihre Hemden präsentiert haben? Zu Lebzeiten Johan H. Bühmanns regierten  insgesamt drei Grafen zu Schaumburg-Lippe:

1681 – 1728 Friedrich Christian

1728 – 1748 Albrecht Wolfgang

1748 – 1777 Wilhelm (der Erbauer der Festung Wilhelmsstein im Steinhuder Meer)

Diese finden sich auch in den Quellen zur Geschichte des Hemds. So war es Graf Friedrich Christian, der den Steinhuder Webern als erstes das Zunftprivileg gewährte. Als Friedrich Christian im Juni 1728 verstarb, wurde sein Sohn Albrecht Wolfgang sein Nachfolger. Diesem, wie Ernsting ganz korrekt anmerkt, 1765 bereits verstorbenen Grafen präsentierten nun Bretthauer und Bühmann ihre jeweiligen Hemden. Aber kann dies stimmen? Johan Bühmann erscheint zum ersten Mal im April 1728 mit einer Einschreibgebühr im Rechnungsbuch der Gilde. Wenn dies das Datum seiner Eintragung als Meister sein sollte, dann  müsste er sein Hemd vor diesem Datum gewebt haben. Müssten folgerichtig nicht sowohl Bretthauer als auch Bühmann ihre Hemden jeweils dem Grafen Friedrich Christian präsentiert haben? Und wenn ja, warum nennt Ernsting den Grafen Albrecht Wolfgang?

Ganz sicher stimmt hier etwas mit Ernstings Geschichte nicht, über die Gründe hierfür kann in Ermangelung sicherer zeitnaher Quellen jedoch höchstens spekuliert werden. So könnte man vermuten, dass Bretthauer mit seinem Hemd beim Grafen die Qualität der Steinhuder Weberei beweisen und möglicherweise Argumente für die Einrichtung der Gilde liefern wollen (Zu nahtlosen Hemden als Werbung, siehe hier ). Vielleicht steckt hier aber auch ein Hinweis darauf, dass die chronologischen Abläufe vielleicht etwas anders waren, als Ernsting es uns glauben lassen will. Die Frage wäre dann: Cui bono?*

St.K./ I.R.

*Wem zum Vorteil?

Sprang – Handarbeit und ganz viel Geschichte

Anders als vom Häkeln, Stricken, Weben und Flechten hat man vom Sprangen weder im Handarbeitsunterricht in der Schule, noch von der Großmutter je etwas gehört. Diese uralte Flechttechnik ist schon seit dem fünften vorchristlichen Jahrhundert nachgewiesen. Auch in der Renaissance im 16. und17. Jahrhundert erlebte sie einen erneuten Aufschwung, bevor man sie in den darauf folgenden Jahrhunderten langsam vergaß. Im Jahr 1871 dann fanden Wissenschaftler ein Haarnetz in Dänemark. Niemand wusste zu sagen, wie es gemacht war. Erst zwei handwerklich sehr geschickte Damen rekonstruierten unabhängig voneinander die Machart dieser Textilien: die Wienerin Louise Schinnerer und die Dänin Petra Godskesen. Louise Schinnerer stieß auf der Suche nach der Lösung des Rätsels auf die traditionelle Textilproduktion in einigen ukrainischen Dörfern und erkannte die Ähnlichkeit zu dem dänischen Haarnetz. Petra Godskesen konnte das Muster des Fundes anhand kleiner Unregelmäßigkeiten im Originalgeflecht nacharbeiten. So konnte die im Zusammenhang mit der Industrialisierung in Vergessenheit geratene Flechttechnik Sprang nachvollzogen und dem Fund zugeordnet werden. Was aber ist diese geschichtsträchtige Handarbeitstechnik, die so lange Zeit vergessen war und lange nicht entschlüsselt werden konnte?

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Technik des Sprangens und so entstandene Fadenverbindungen
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Gewebe im Vergleich

Die Besonderheit des Sprangens zeigt sich am besten im Vergleich mit der Weberei: Während man beim Weben ein Gewebe, also ein Fadensystem aus senkrechten und waagerechten Fäden hervorbringt, gehört das Sprangen zu den Flechttechniken, bei denen ein einzelnes senkrechtes Fadensystem untereinander verdreht wird. Diese Technik kennen wir alle seit der Kindheit: das drei-/ vier/- oder auch viel-fädrigen Flechten von Wolle, Haaren oder Scoubidou-Bändern. Anders als das bekannte Flechten ermöglicht das Sprangen nicht nur das Erzeugen eines dickeren Fadens, sondern auch flächiger Textilien. Gesprangtes zeichnet sich durch große Elastizität aus, sodass Kleidungsstücke gut am Körper anliegen. Deshalb wurden in der Antike vor allem Haarnetze und Hosen daraus hergestellt.
Was sich mit dieser Technik für besondere Geflechte herstellen lassen und wie diese sich anfühlen, zeigen wir in unserer Ausstellung im Hands-On-Bereich, kommt einfach vorbei!

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Materialien zum Sprangen

Das Sprangen ist ganz leicht nachzumachen. Alles, was Ihr braucht, sind ein Holzstift, ein Rahmen oder provisorisch eine Stuhllehne zur Befestigung, Wolle oder synthetische Fäden und, ganz wichtig, eure Hände! Eine Anleitung inklusive der spannenden Geschichte des Sprangs findet Ihr bei Dagmar Drinkler „Eng anliegende Bekleidung in Antike und Renaissance.“ erschienen in der Zeitschrift für Kunstechnologie und Konservierung, Band 24 aus dem Jahr 2010, Seiten 5- 35 (Bildmaterial findet sich hier). Schaut auch mal bei YouTube vorbei, dort gibt es viele Tutorials zu dieser spannenden und geschichtsträchtigen Technik zum Nachmachen. Viel Spaß!

I.R.