18. Oktober – Sage vs Quelle: Lesung um Fiktion und Wahrheit, Sage und Analyse

Unsere Leser haben es ja bereits gemerkt: Im Rahmen der Ausstellungsvorbereitung kamen durch intensive Recherchen so viele neue Erkenntnisse ans Licht, dass wir vieles gar nicht in die Ausstellung hineinbringen konnten, sondern nun erstmals hier exklusiv hier auf dem Weblog veröffentlichen.

Ein Mobile aus FaktenDazu gehört auch eine Analyse der historischen Quellen – die manchmal eben gar nicht so eindeutig sind. Dann finden Historiker/-innen nur Indizien wie Puzzlestücke und erst die feine Analyse bringt die Forschenden auf die richtige Spur. Das Verfolgen von Indizienspuren ist dann zwar nicht so blutig, wie in einem TV-Krimi, aber manchmal genauso spannend (und methodisch gar nicht weit weg).

Rechnungsbuch_18_JBDas ging uns auch bei der Geschichte um Johan Bühman so. Im Laufe der Jahrhunderte hatte sich die Überlieferung um das Hemd ohne Naht und seinen selbstbewußten Weber deutlich verändert. Namen, Hintergründe, viele nostalgische Elemente aus typischen Sagen und Märchen kamen hinzu, dennoch – manche Fakten blieben erhalten. Die jüngste Nacherzählung der Legende stammt aus dem Jahr 2011. Inspiriert von Johan Henrich Bühmann schrieb der Religionspädagoge Winfried Gburek ein Märchen für Kinder um Johan den Weber.

gburekWir bringen nun Quelle und Sage zusammen und präsentieren am Sonntag, den  18. Oktober von  14:00 bis 15:30 die Lesung: Das Hemd ohne Naht: Sage vs Quelle als spannenden Mash-up aus Fiktion und Wahrheit – Sage und Analyse mit Winfried Gburek und Stephanie Kirsch.

Fälschlicherweise ist auf dem Ausstellungsflyer als Datum für die Lesung der 16. Oktober angegeben. Richtig ist Sonntag, der 18. Oktober.

 

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Übrigens:
Letztes Wochenende war Flachsfest ! Hier haben wir als Dankeschön für unsere Besucher noch ein paar Bilder dazu:

S.K.

„Tracht kommt von (ge)tragen“ – Das Flachsfest in Steinhude bekommt Gewicht

Kommenden Samstag und Sonntag, den 10. und 11. Oktober 2015, lädt das Fischer- und Webermuseum zum Flachsfest ein. An beiden Tagen wird von 11 bis 18 Uhr historisches Handwerk lebendig. Die Besucher begeben sich auf eine Reise durch Jahrhunderte der Technik: vom Gewichtswebstuhl bis zum jüngeren Trittwebstuhl.

Im und um das historische Museumsgebäude herum werden zahlreiche Stände historische Kleidung, Tracht, Stoffe und moderne Quiltarbeiten anbieten und im Museum sind die Besucher herzlich eingeladen, selbst Hand anzulegen.

Den Sprung in die Moderne unterstützt die Partnerveranstaltung in der Weberei Seegers: Dort gibt es eine kostenlose Webereibesichtigung, die viele Maschinen in Aktion zeigt, außerdem eine Modenschau und Bastelaktionen für Kinder. Damit der Sprung unfallfrei gelingt, verkehrt zwischen den beiden Veranstaltungsorten ein Kutschen-Shuttle – allein schon ein Erlebnis!

Die zweitbeliebteste Weberinnen-Darstellung

Ein ganz besonderes Highlight ist aber die Vorführung des römischen Gewichtswebstuhls durch Barbara Stritter. Gewichtswebstuhl – nie gehört? Tatsächlich gehört der Gewichtswebstuhl zu den Erfolgsmodellen der Webstuhlgeschichte. Am bekanntesten sind wohl die Webstuhlabbildungen aus dem antiken Mittelmeerraum wie links, seine Ursprünge finden sich aber wohl bereits in der Jungsteinzeit.

Bis in etwas zum 10. Jh. war diese Art von Webstuhl in Mittel-, Nord- und Südeuropa überall verbreitet. In einigen Gebieten Skandinaviens war er sogar noch bis in die 1950er Jahren im Hausgebrauch.

Was ist aber denn überhaupt ein Gewichtswebstuhl und woher wissen wir um seine Verbreitung? Die Antwort lautet: Durch die Webgewichte. Während der Rahmen des Webstuhls und die darauf hergestellten Textilien aus vergänglichen Materialien bestanden, sind die namensgebenden Webgewichte oft aus Stein oder Ton hergestellt worden.

Der Aufbau eines Gewichtswebstuhl ist simpel: 

Aufbau eines Gewichtswebstuhl – sieht auf den ersten Blick komplizierter aus, als es ist.

An einem Balken (Tuchbaum), der an Pfosten o.ö. befestigt wird, werden, die Kettfäden angehängt. Durch diese werden die Schussfäden geführt. Um auf diese Weise ein Textil zu weben, braucht es auf den Kettfäden Spannung. Deshalb werden am Ende die Kettfäden an Gewichte gebunden. Diese Gewichte sind es, die dem Webtstuhl seinen Namen gegeben haben – und ihn für uns so leicht im archäologischen Kontext erkennbar machen. Zwar gibt es mannigfaltige Formen von Webgewichten, trotzdem sind sie unverkennbar.

Das bespannend eines solchen Gewichtswebstuhl dauert seine Zeit. Die Kettfäden werden in Bündeln an den Webgewichten befestigt, um sie auf Spaqnnung zu halten, gewebt wurde von oben nach unten. Sollte das Gewebe länger werden als der Webstuhl hoch, so konnte es mittels der Kurbelwelle auf dem Tuchbaum aufgerollt werden, während es nach unten weiter wuchs. 

Weitere alte und neue Handwerkstechniken gibt es dann am 10. und 11. Oktober in Steinhude zu bestaunen. Neben der Tracht, die getragen wurde und wird ist auch die Ausstellung um das nahtlose Hemd geöffnet – das ist und bleibt aber ungetragen.

Literaturtipp: Martha Hoffmann, The warp weighted loom

St.K./H.B.

Fokussiert

In der letzten Woche gab es zwei besondere Termine, um unser Hemd ohne Naht (und auch andere historische Hemden) ins rechte Licht zu rücken. Für die Ausstellung mussten nämlich noch neue Fotos produziert werden – und dazu holten wir uns äußerst professionelle Hilfe. Gerade die Details des Hemdes ohne Naht, wie die am Übergang zwischen Halsbündchen und Brustpartie, kann man nur erkennen, wenn man ganz nah ran geht.
Da das 287 Jahre alte Hemd durch eine Vitrine geschützt präsentiert werden muss, ließen wir für unsere Besucher eine Kamera ganz nah ran, ohne Blitzlicht und traditionell im Format 6×6 cm.

Teaser_3
Holger Wieborg arbeitet mit einer ungewöhnlichen Konstruktion

Teaser_2Am 6. August fand dann noch ein zweites Fotoshooting statt – und hier kam erneut eine eher ungewöhnlichere Kamera zum Einsatz.
Links auf dem Foto sieht man, wie gerade eine seltsame Metallkonstruktion an sie geschraubt wird, und dann… noch eine weitere Kamera? Zwei Kameras und ein Auslöser?
Was mag es damit auf sich haben?

Natürlich lösen wir das in unserer Sonderausstellung auf – ein Tipp aber: Man braucht schon eine Brille, um das Rätsel zu lösen.

Making_offZudem wurden auch noch „ganz normale“ Fotos geschossen. Sogar die Museumsleitung wurde eingespannt, um eine gute Lichtwirkung zu erzielen.

Was das Motiv wohl sein mag?

Ein wenig verraten können wir ja schon:

Auch wenn unser Hemd ohne Naht natürlich durch sein „Anderssein“ aus dem Alltagskontext herausgehoben wurde und vor allem ein Meisterwerk ist, so bleibt es prinzipiell doch noch ein Hemd.

Also haben wir uns ein ähnliches historisches Hemd geschnappt und inszeniert. Das verwendete Stück ist erst 100 Jahre alt und stammt aus dem Fundus von „Urgroßmutters Wäscheträume“, die übrigens am 10. und 11. Oktober einen Verkaufsstand ihrer tollen Stücke auf unserem Flachsfest haben werden!

S.K.

Liebling der Woche: Der Klang der Ausstellung

“Have her make me a cambric shirt,

parsley, sage, rosemary and thyme,

without no seam nor fine needle work,

and then she’ll be a true love of mine”

Franziska Tischbein – am Flügel
Franziska Tischbein – am Flügel

Scarborough Fair – Ein wunderschönes Lied auf das wir bei unserer Recherche zum Thema Nahtlosigkeit gestoßen sind. Da wünschten wir uns natürlich direkt, dieses Lied in der Ausstellung präsentieren zu können. Aber kann das einer von uns singen? Spielt jemand von uns ein Instrument? Oder kennen wir jemanden, der für uns das Lied aufnehmen würde?

Und so nahm alles seinen Lauf: aus einer Studentin wurde eine ganze Gruppe, aus einem Mikrofon ein Tonstudio und aus ein paar Noten ein fantastisches Lied  🙂

Clara Roeder – Gesang
Clara Roeder – Gesang

Jetzt konnten die Aufnahmen beginnen – wir vom Team sind begeistert. Hier haben wir für euch zwei Einblicke in die Aufnahmen und bedanken uns damit ganz herzlich bei den Musikstudentinnen und -studenten Franziska Tischbein (Klavier), Clara Roeder (Gesang), Annabell Rindfleisch (Querflöte) und Alexander Burgdorf (Technik und Ton) für Ihre Hilfe!

C.W.

Veranstaltungstipp der Woche: Das Hemd ohne Naht

Das Hemd ohne Naht gewinnt Kontur
Das Hemd ohne Naht gewinnt Kontur

Am 15. Juli wird das Hemd ohne Naht, von uns mittlerweile liebevoll als „HoN“ abgekürzt, Gesprächsthema Nr. 1 im Welfenschloss sein. Eva Jordan-Fahrbach, Textilrestauratorin des Herzog Anton Ulrich-Museums, wird einen Vortrag halten, der den Titel „Ein Hemd ohne Naht: Wie kann das funktionieren?“ trägt. Frau Jordan-Fahrbach und das Hemd sind mittlerweile eine Art gut eingespieltes Team. Zusammen mit Sandra Kilb hat sie einen Artikel für die deutsche Textbeilage der Spin-Off geschrieben, das Thema natürlich: das HoN. Dieses verließ, um von Frau Jordan-Fahrbach untersucht zu werden, sogar für drei Monate Steinhude. Am 25. Juli schließlich wird Frau Jordan-Fahrbach ihrerseits nach Steinhude fahren, um dort das Hemd ohne Naht zu waschen – konservatorisch korrekt, versteht sich. Fragen wie „Gehen Leitungswasser und Waschmittel?“ sollten dann beantwortet (und beobachtet!) werden können. Sollte das Wetter nicht ganz oder zu sehr mitspielen, keine Sorge: der Museumsinnenhof ist überdacht. Frau Jordan-Fahrbach hat das Hemd vermessen, begutachtet und ihre Ergebnisse dokumentiert und wird nun die neusten Forschungsergebnisse zur Webtechnik vorstellen. Hierzu laden wir natürlich alle Interessierten herzlich ein:

Am 15. Juli ab 18 Uhr im Welfenschloss, Hörsaal B302!

Unter den Zuhörern wird sich übrigens mit Professor Bech Nosch aus Kopenhagen, die das renommierte Centre for Textile Reseach leitet, auch internationales Publikum befinden, worüber wir uns sehr freuen! J.B.

Gedanken der Woche: Wortklauberei

Während im Hintergrund das PR-Team fleißig daran arbeitet, dass am Tag des Vortrag von Eva Jordan-Fahrbach zur außergewöhnlichen Technik unseres Hemdes alles reibungslos verläuft, ist es Zeit, inne zu halten und zurück zu blicken. Wie läuft es denn mit der Teamarbeit? Läuft alles prima, können wir antworten, (noch) ist alles ziemlich im Zeitplan, die Kommunikation funktioniert und die einzelnen Arbeitsschritte gehen nahtlos ineinander über.

Aber Moment – nahtlos? Man wird ja, wenn man sich längere Zeit mit einem Thema auseinandersetzt, etwas empfindlich. Schleicht sich hier etwa schon Themenparanoia ein? Wie so oft kommt uns im Alltag ein Begriff über die Lippen, den wir gedankenlos verwenden. Nahtlos. Ohne Naht. Aber wovon reden wir heutzutage, wenn wir den Begriff „nahtlos“ verwenden? Das macht uns neugierig.

Hier seid ihr gefragt. Was sind eure ersten Assoziationen, wenn ihr diese beiden Begriffe hört? In welchen Kontext würdet ihr sie einordnen? Unten finden sich zwei kleine Umfragen zum Thema. Klickt einfach jeweils die drei Begriffe an, die euch zuerst in den Sinn kommen.

Und falls euch das nicht schon genug Wortklauberei ist, haben wir für euch heute auch eine Lektüreempfehlung zum Themenkomplex Textil, Geschichte, Kunst und Begrifflichkeit:

Ellen Harlizius-Klück, Saum & Zeit. Ein Wörter-und-Sachen-Buch in 496 lexikalischen Abschnitten angezettelt. Berlin : Edition Ebersbach, 2005.

Gibt es übrigens hier hier (GVH) oder z.B. hier (ZVAB).

St.K.

PS: Falls euch etwas komplett Anderes dazu einfällt, schreibt gern einen Kommentar zu diesem Beitrag. Wir würden uns freuen!

Veranstaltungstipp der Woche : Spätantik-koptische Textilien?

Foto: Inv. R 1906.172, Gewebefragment mit aufgenähten Zierstücken, 7.-10. Jh. n. Chr.
Foto: Inv. R 1906.172, Gewebefragment mit aufgenähten Zierstücken, 7.-10. Jh. n. Chr.

Für alle textilhistorisch Interessierten und alle, die gern etwas über zeitgenössische Forschung am Museum erfahren wollen, haben wir für die kommende Woche noch eine ganz besondere Empfehlung. Im Museum August Kestner (MAK) wird am Mittwoch im Rahmen der „Hannoverschen Altertumswissenschaftlichen Vorträge (HAV)“ Jennifer Moldenhauer, M.A. aus Münster ihre Arbeit zu spätantik-koptischen Textilien im MAK vorstellen. Alle Interessierten sind herzlich eingeladen.

Spätantik-koptisch… nie gehört? Dann wird es Zeit! Hier schon einmal zum Reinschnuppern eine kleine Kostprobe des spannenden Themas , aber vorab erst noch einmal kurzgefasst die wichtigsten Daten:


Vortragstipp
Die Sammlung spätantik-koptischer Textilien im Museum August Kestner: Bestand und erste Entdeckungen
Termin : Mittwoch, 24.06.2015, 18.30 Uhr
Ort : Museum August Kestner, Trammplatz 3, 30159 Hannover
Referentin : Jennifer Moldenhauer M.A., Universität Münster


 Sofort nachdem so die erste Mumie ans Tageslicht gezogen, stürzten sämtliche Arbeiter und meine koptischen Führer herbei, um des Toten Hüllen loszureissen und ihn auf seinen Reichtum zu prüfen.“[1]

Die oftmals reich verzierten Gewänder, in denen koptische Mumien bestattet wurden, versetzten die Ausgräber aber auch die lokale Bevölkerung seit jeher in Staunen. Durch das günstige Klima Ägyptens sind uns die Gewänder aus spätantiker Zeit erhalten geblieben, teils vollständig, hauptsächlich aber in Form der Zierstücke, die die Gewänder einst schmückten. Nun soll erstmals der Bestand an spätantik-koptischen Textilien des MAK in Bezug auf den Provenienz- und Sammlungskontext, sowie die Herstellung und Materialverwendung vorgestellt werden. Selbstverständlich soll dabei auch ein Einblick in die überaus große Themenvielfalt der Zierstücke gegeben werden: Von ornamentalen Purpurwirkereien hin zu Eroten, Reiter- und Heiligendarstellungen, dem Halbgott Herakles, der alttestamentarischen Geschichte des Josef und dem Propheten Jonas.

An der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster studierte Jennifer Moldenhauer Kunstgeschichte, Klassische Archäologie, Christliche Archäologie und Byzantinistik. Sie ist seit 2014 mit der wissenschaftlichen Bearbeitung des Bestandes spätantiker Textilfragmente aus Ägypten im MAK betraut, das die Grundlage ihres Promotionsvorhaben bildet (gefördert durch The Danish National Research Foundation’s Centre for Textile Research, University of Copenhagen in Kooperation mit dem Historischen Seminar der Leibniz Universität Hannover).

[1] R. Forrer, Mein Besuch in El-Achmim. Reisebriefe aus Ägypten (Straßburg 1895) 41.