Wanderjahre und Walz – damals und heute

“Das muss ein schlechter Müller sein, dem niemals fiel das Wandern ein…”

Die Wanderjahre oder Walz waren für Gesellen in den meisten Handwerksberufen bis ins 19. Jh. hinein verpflichtend, um die Meisterwürde zu erhalten und als vollwertiges Mitglied in die Zunft ausgenommen zu werden.

Umso erstaunlicher ist es, dass der junge Weber Johan Henrich Bühmann diese Wanderschaft nicht antritt, sondern sich mit seinem herausragenden Meisterstück, dem Hemd ohne Naht, direkt an den Landesfürsten wendet, um diese Auflage zu umgehen. Die schon zu Bühmanns Lebzeiten einsetzende Legendenbildung gibt eine rührende Erklärung: Der treue Sohn habe seine kranke, lahme Mutter nicht alleine mit dem Hof zurücklassen können. Da Johans Eltern Jahre später bei seiner Hochzeit beide noch leben, ist diese Erklärung nicht richtig, aber sie wird einen wahren Kern besitzen: Sicher wäre es ein herber Verlust gewesen, wenn der Sohn als Arbeitskraft auf dem verschuldeten Hof für drei Jahre ins Ausland zieht.

Die Tradition, als Geselle ein paar Jahre zu wandern, bevor man sich als Meister niederlässt, stammt aus dem 14. Jh. und wurde besonders im 15. und 16. Jh. zum Teil des sozialen Lebens der Handwerker. Die Gesellen einiger Berufe organisierten sich in dieser Zeit überregional in Verbänden, die das Wandern der gut ausgebildeten Fachkräfte erleichterten, die Gesellen eigener Rechtsprechung unterwarfen, sie gegen die zünftig in den Städten organisierten Meister stärken sollten und dadurch auch politische Faktoren wurden. Gerade zu Zeiten, wenn in den Städten Mangel an Fachkräften herrschte, konnte eine Gesellenvereinigung, zum Beispiel durch Streiks, einiges bewirken. Die Gesellen stellten nach Schätzungen immerhin etwa ein Viertel bis ein Drittel der arbeitenden Bevölkerung!

Wandergesellen in Kluft

Noch heute sind die Wanderjahre, die sogenannte Tippeltour, eine handwerkliche Tradition. Sie sind aber keine Pflicht mehr, so dass auch wenn nach Einschätzung der Handwerkskammern und der Schächte genannten Gesellenvereinigungen die Zahlen seit den 70er Jahren wieder steigen, jedes Jahr nur ein paar wenige hundert junge Männer und Frauen unterwegs sind. Den meisten Menschen ist sicher trotzdem schonmal ein Geselle auf “Tippeltour” in seiner Zunftkleidung aufgefallen, mit schwarzer Schlaghose und Weste (schwarz ist die Farbe der holzverarbeitenden Berufe, wie Tischler und Zimmerleute, wird heute aber gelegentlich auch von anderen Wandergesellen getragen).

Stenz mit Charlottenburger – Marschgepäck auf der Walz

Außer der Kluft gehört zur Ausstattung eines Wandergesellens auch der Stenz, der Wanderstab und das bunte, Charlottenburger oder Berliner genannte Tuch, in den das wenige Hab und Gut eingeschlagen wird.

Traditionell hieß es früher, dass der Geselle mit fünf Mark auszieht und mit fünf Mark zurückkommt, reich wird man auf Wanderschaft nicht. Früher haben die Gesellen ihre Arbeit in der Fremde – der Bereich 50km um die Heimatstadt ist während der Walz tabu – nur gegen Kost und Logis angeboten, heute wird sie teilweise auch tariflich entlohnt, je nach Meister.

Die Wanderschaft, die zwischen zwei und drei Jahren dauern kann, soll vor allem zur Erweiterung des Horizontes dienen, zum lernen. Dabei bleibt sie aber beschwerlich: der Geselle kann nur das Nötigste mit auch die Wanderschaft nehmen, er darf traditionell nur kostenlose Transportmittel benutzen, also wandern oder trampen und unterwegs muss man zusehen, wo man unterkommt: im Sommer vielleicht eine Nacht in einer Scheune, bei Bekannten, bei Freunden von Freunden oder wo es so etwas gibt, in einer Gesellenherberge. Ein bezahltes Zimmer darf man sich eigentlich nicht nehmen, aber manchmal ist es unvermeidlich.

In einer Stadt auf der Reise geht der erste Weg meist zur Handwerkskammer. Dort gibt es einen Stempel ins Reisebuch und der Zehnpfennig, eine kleine Reiseunterstützung, bessert die leere Reisekasse auf. Dann folgt die Suche nach einem Betrieb, bei dem man Vorsprechen kann. Über das genaue Ritual bewahren die Gesellen Stillschweigen, es wird nur mündlich überliefert und nicht nur Frage und Antwort, sondern auch Haltung und Gesten spielen dabei eine Rolle. Immerhin muss der Meister den Fremden vertrauen können, oft lässt er sie bei sich wohnen. Damals wie heute werden die Gesellen von ihrem Berufstand dazu angehalten, sich auf der Wanderschaft ehrbar zu verhalten, um nicht sich und alle Kollegen in Verruf zu bringen. So gilt auch noch, dass man nur auf Wanderschaft gehen darf, wenn man ledig und kinderlos ist und keine Schulden hat – die Tippeltour soll keine Flucht vor Verantwortung sein.

Bei Johan H. Bühmann scheint es gerade eine gewisse Verantwortung gewesen zu sein, die ihn zu Hause hielt anstatt auf Wanderschaft zu gehen. Seine erfolgreiche “Rebellion” gegen die Zunftregeln der Meister in Steinhude könnte man dabei als durchaus im Sinne der Gesellenvereinigungen der frühen Neuzeit verstehen – und noch in der DDR war die Walz verboten, weil sie als zu unkontrolliert und zu politisch galt.

H.B./C.W.

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Ein Hemd für den Landesherren – Steinhude und die Grafen zu Schaumburg-Lippe

Die Geschichte der Steinhuder Hemden ohne Naht hängt eng mit den Landesherren Steinhudes zusammen. So berichtet es zuerst 1765 oder 1766 der Apotheker und Schriftsteller Arthur Conrad Ernsting in seiner Schrift „Kurtze, historische und physikalische Nachricht von dem Steinhuder Meer“:

Der erste Meister so ein Hembd gewebet, war der schon längst verstorbene Joh. Hinrich Bratthauer, als dieser das eine Hembd fertig hatte, das schlecht gerathen war, so webete er noch eins, und solches präsentierte er seinem Gnädigsten Landes-Herrn, dem Herrn Graf Albrecht Wolfgang, Hochsel. Andenkens. […] Dieses machte zu der Zeit viel Aufsehens und frischete andere mit guter Arbeit an: wie sich denn auch gleich darauf noch einer fand, der durch vieles Nachsinnen ebenfalls ein gantz fertiges Hembd webete, und dieses ist der annoch lebende Altar-Mann J. Hinrich Bühmann. […]Diesen Bühmann, welcher dero Zeit ein Jüngling von 17 Jahren war, wolte die damalige neue Leinweber-Gilde nicht vor einen Meister erkennen, darauf er so gleich noch ein Hembd webete, und solches ebenfals seinen gnädigsten Landes-Herren präsentierte, darauf er sogleich ohne Widerrede Meister bey der Gilde wurde.

Die beiden Steinhuder Weber Bretthauer und Bühmann präsentierten laut Ernsting ihre Hemden dem Landesherren Steinhudes, dem „Herrn Graf Albrecht Wolfgang”, der zu Ernstings Zeit jedoch bereits verstorben war, wie der Zusatz “Hochsel. Andenkens” dem Leser mitteilt. Um welche Grafschaft geht es denn nun konkret und wer war dieser Graf Albrecht Wolfgang, dem die beiden Steinhuder Weber ihre Hemden präsentierten?

By Ziegelbrenner [GFDL (http://www.gnu.org/copyleft/fdl.html), CC-BY-SA-3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/) or CC BY 2.5 (http://creativecommons.org/licenses/by/2.5)], via Wikimedia Commons
Territoriale Ausdehnung der Grafschaft (hier schon Fürstentum) Schaumburg-Lippe
Ganz im Norden – Die Zugehörigkeit Steinhudes

Vor der Gründung des Deutschen Kaiserreichen 1871 bestand das Gebiet, was wir heute als Deutschland bezeichnen, aus einer Vielzahl größerer und kleinerer eigenständiger Verwaltungseinheiten, denen jeweils ein weltlicher oder geistlicher Landesherr unterschiedlicher Titulatur vorstand. Territoriale Ausdehnung, Bezeichnung und Titel der jeweiligen Landesherren unterlagen dabei über die Jahrhunderte einem ständigen Wandel.

Obwohl Steinhude heute als Stadtteil von Wunstorf zur Region Hannover gehört, war der zuständige Landesherr hier im 18. Jahrhundert keineswegs der Kurfürst in Hannover. Zu Wunstorf kam Steinhude gar erst durch die Gebietsreform von 1974. Im 18. Jahrhundert gehörte der Flecken Steinhude vielmehr zum Amt Hagenburg, das wiederum eine Verwaltungseinheit der Grafschaft Schaumburg-Lippe stellte. Steinhude lag ganz im Norden dieser Grafschaft, so dass es zwangsläufig zu regen (Handels)Austausch mit den ausländischen Gemeinden rund um das Steinhuder Meer aber auch darüber hinaus kam. Die nächste Weberzunft innerhalb der Grafschaft lag übrigens im knapp 20km entfernten Stadthagen, welches zum gleichnamigen, südlich an Hagenburg angrenzenden Amt gehörte.

Geschichte der Grafschaften

Auch die Grafschaft Schaumburg-Lippe war kein ewiges Konstrukt, zu Johan Bühmanns Zeiten existierte sie nicht einmal hundert Jahre. Im 17. Jahrhundert gehörte das Gebiet erst zur Grafschaft Schaumburg. In der Zeit des Dreißigjährigen Krieg von 1618 bis 1648 wurde die Grafschaft Schaumburg 1640/ 1646 in zwei Grafschaften geteilt: Die Grafschaft Schaumburg, die in Personalunion mit Hessen-Kassel stand, sowie in die Grafschaft Schaumburg-Lippe. Fortan gingen beide gänzlich unterschiedliche Wege: Während die Grafschaft Schaumburg von Preußen annektiert wurde und zusammen mit der gesamten umliegenden Landgrafschaft Hessen-Kassel zu 1866 zu Hessen-Nassau wurde, trat Schaumburg-Lippe unter dem Grafen Georg Wilhelm 1807 dem auf Initiative Napoleon Bonapartes gegründeten Rheinbund bei und wurde zum Fürstentum ernannt. Damit traten sie aus dem Verband des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nationen aus. 1815 trat es dem Deutschen Bund bei, bis 1945 war es Teil des deutschen Reiches.

Die Grafen

Ausschnitt eines Ölgemälde(etwas 1745) mit dem Porträt des Albrecht Wolfgang Graf zu Schaumburg-Lippe. Maler: Johann Heinrich Tischbein der Ältere.
Ausschnitt eines Ölgemälde(etwas 1745) mit dem Porträt des Albrecht Wolfgang Graf zu Schaumburg-Lippe. Maler: Johann Heinrich Tischbein der Ältere.
Kommen wir aber auf die Ausgangsfrage zurück: wer war dieser Graf Albrecht Wolfgang, dem die beiden Steinhuder Weber ihre Hemden präsentiert haben? Zu Lebzeiten Johan H. Bühmanns regierten  insgesamt drei Grafen zu Schaumburg-Lippe:

1681 – 1728 Friedrich Christian

1728 – 1748 Albrecht Wolfgang

1748 – 1777 Wilhelm (der Erbauer der Festung Wilhelmsstein im Steinhuder Meer)

Diese finden sich auch in den Quellen zur Geschichte des Hemds. So war es Graf Friedrich Christian, der den Steinhuder Webern als erstes das Zunftprivileg gewährte. Als Friedrich Christian im Juni 1728 verstarb, wurde sein Sohn Albrecht Wolfgang sein Nachfolger. Diesem, wie Ernsting ganz korrekt anmerkt, 1765 bereits verstorbenen Grafen präsentierten nun Bretthauer und Bühmann ihre jeweiligen Hemden. Aber kann dies stimmen? Johan Bühmann erscheint zum ersten Mal im April 1728 mit einer Einschreibgebühr im Rechnungsbuch der Gilde. Wenn dies das Datum seiner Eintragung als Meister sein sollte, dann  müsste er sein Hemd vor diesem Datum gewebt haben. Müssten folgerichtig nicht sowohl Bretthauer als auch Bühmann ihre Hemden jeweils dem Grafen Friedrich Christian präsentiert haben? Und wenn ja, warum nennt Ernsting den Grafen Albrecht Wolfgang?

Ganz sicher stimmt hier etwas mit Ernstings Geschichte nicht, über die Gründe hierfür kann in Ermangelung sicherer zeitnaher Quellen jedoch höchstens spekuliert werden. So könnte man vermuten, dass Bretthauer mit seinem Hemd beim Grafen die Qualität der Steinhuder Weberei beweisen und möglicherweise Argumente für die Einrichtung der Gilde liefern wollen (Zu nahtlosen Hemden als Werbung, siehe hier ). Vielleicht steckt hier aber auch ein Hinweis darauf, dass die chronologischen Abläufe vielleicht etwas anders waren, als Ernsting es uns glauben lassen will. Die Frage wäre dann: Cui bono?*

St.K./ I.R.

*Wem zum Vorteil?

Alles, was Recht ist – die Zunftgerechtigkeit

Wie alle Zünfte und Gilden ihrer Zeit hatte auch die Zunft der Steinhuder Leinweber eine eigene Zunftordnung oder Zunftgerechtigkeit, eine Sammlung von Regeln, die für alle Mitglieder der Zunft Geltung besaß. Eine Abschrift der ersten Zunftgerechtigkeit, die sich die Steinhuder Weber bei der Gründung am 18. Oktober 1727 gegeben haben und vom Grafen bestätigen ließen, ist in einer Urkunde vom 12. Dezember des selben Jahres erhalten. Diese und eine Ergänzung der Regeln, die am 24. April 1729 bei einer Versammlung der Zunftmitglieder beschlossen wurde, geben einen Einblick in die Organisation und das Zusammenleben der Zunftmitglieder:

als wirdt obbenannten Linne Webern deß Fleckens Steinhuede diese ordentliche Zunft, Gülden oder Ambtsgerechtigkeit folgender gestalt erteilt und bestätiget…“

Die acht Paragraphen umfassende Zunftgerechtigkeit regelt zunächst die wichtigsten Punkte für die neugegründete Weberzunft, wie die Aufnahme von Gesellen und neuen Meistern und die Abgrenzung zu unzünftigen Webern.

Die Regeln lauten im einzelnen wie folgt:

  1. Lehrjungen müssen nachweislich ehelich gezeugte Kinder sein, Gesellen, die in die Zunft aufgenommen werden, müssen mindestens zwei Jahre bei einem zünftigen Meister gelernt haben, und um Meister zu werden drei Jahre Wanderschaft nachweisen, bevor sie dem Grafen und der Zunft ihr Meisterstück präsentieren können und die Aufnahmegebühr zahlen dürfen.
  2. Zunftmitglieder müssen einen bestimmten Betrag in die Zunftlade abgeben, der in Notzeiten oder im Sterbefall verwendet werden kann. Ausländische Gesellen und Meister bezahlen dabei bis zum doppelten der Sätze für Einheimische. Dazu muss allerdings angemerkt werden, dass das Ausland damals schon wenige Kilometer weiter beginnen konnte, eben dort, wo die Grafschaft Schaumburg-Lippe endete. Zum Beispiel im fernen, fernen Loccum – oder Nienburg.
  3. Die in der schaumburgisch-lippischen Steuer- und Polizeiordnung festgesetzten Lohnvorgaben werden übernommen, wer dagegen verstößt, wird aus der Zunft ausgeschlossen. Da die Leinweber in Steinhude erst vergleichsweise spät eine Zunft gründen, können sie teilweise auf bestehende Regelungen zurückgreifen.
  4. Fremde und ausländische Meister dürfen fortan weder in Steinhude noch anderswo im Amt Hagenburg eigene Arbeiten anfertigen.
  5. Um die neue Zunft zu stärken, soll es den unzünftigen Weber gestattet sein, der Zunft beizutreten, ebenso fremden Meistern, die bisher in der Region gelebt und hier Abgaben gezahlt haben. Sollten sie der Zunft nicht beitreten wollen oder können, dürfen sie ihr Handwerk bis zum Lebensende ohne Einbußen weiter ausüben, aber weder Lehrjungen noch Gesellen ausbilden.
  6. Jedermann darf Leingarn kaufen und in seinem Haus für den Verkauf Leinwand herstellen lassen – allerdings nur durch einheimische Meister.
  7. Jeder hat das Recht, weben zu lassen, wo er will. Von diesem und dem vorhergehenden Paragraphen ist der gräfliche Haushalt ausdrücklich ausgenommen, der jederzeit auch fremde Weber anwerben und beschäftigen darf.
  8. Die Gilde wählt jedes Jahr zwei Gildemeister, die von der gräflichen Kanzlei vereidigt werden. Diese sollen auf die Einhaltung der Zunftgerechtigkeit sowie einen moralisch einwandfreien Lebenswandel der Zunftmitglieder achten, außerdem treuhänderisch die Mittel der Zunft verwalten und darüber Rechenschaft ablegen.

Die Zunftordnung wurde von den Grafen von Schaumburg-Lippe bestätigt, allerdings jedes Mal mit dem Vorbehalt, dass der Graf jederzeit die bestehende Zunftgerechtigkeit ergänzen, verändern, verbessern und ganz oder in Teilen aufheben kann – schon damals finden wir beste Beamtensprache in den Urkunden.

Gut anderthalb Jahre später beschließt eine Versammlung von Meistern und Gesellen eine Erweiterung der Zunftregeln. Bei den Ergänzungen handelt es sich vor allem um Verwaltungsdinge, um die Festsetzung der Abgaben etwa, die Gesellen in die Zunftlade zu leisten hatten, wenn sie freigesprochen wurden oder wenn sie heirateten. Dabei sind unterschiedliche Beträge fällig je nachdem, ob die Frau eine Einheimische oder eine Fremde ist – oder eines Meisters Tochter. Dadurch sollte das Monopol der zünftigen Weber weiter gestärkt werden.

Dabei sind die Zunftregeln schon zu Beginn der Steinhuder Weberzunft gebeugt worden: die vorgeschriebenen drei Jahre Wanderschaft hat unser alter Freund Johan H. Bühmann ja bekanntlich nicht geleistet. Seine Aufnahmegebühr hat er aber brav bezahlt.

H.B.

Willkommen in der Gilde

„So sollt ihr Macht haben, aus diesem Willkommen drei freie Trunke zu verschenken. Einen an den Herrn Ratsbeisitzer, einen an den Herrn Gildemeister, einen aus der freien Zeche an wen ihr wollt.“

Die Wilköm der Steinhuder Gilde sind Zinnkrüge bzw. Zinnpokale. Sie wurden mit dem Zunftsstab, der Gesellenkasse, Leuchtern, Rechnungsbüchern, dem Tobaks Teller und anderen Krügen – den Zunftreliquien – in der Zunftlade aufbewahrt. Der Gesellen- und der Meisterwillköm sind Trinkpokale. Beim jährlichen Treffen aller Mitglieder der Gilde durften die neuen Gesellen und Meister einmal aus dem jeweiligen Pokal trinken.

In der Steinhuder Webergilde war es Tradition, dass die Männer, die im vorherigen Jahr ihr Meisterstück vorgezeigt hatten, vor allen Mitgliedern vortraten und drei Trunke aus dem Zinnbecher verschenkten. Einer ging an den Ratsbeisitzer, einer an den Gildemeister und der dritte konnte an eine beliebige Person der Gilde verschenkt werden. Die jungen Männer selbst hatten die Ehre aus dem Meisterwillköm zu trinken. Für die neuaufgenommen Gesellen gibt es den Gesellenwillköm. Die Willköm waren mit Bier gefüllt, welches mit Zwieback und Zucker bestreut war.

Gesellenwillköm rechts mit Deckel und links Meisterwillköm mit Deckel daneben liegend.
Gesellenwillköm rechts mit Deckel und links Meisterwillköm mit Deckel daneben liegend.

Gildemeister: „Woraus habt ihr getrunken?“

Junger Meister: „Aus dem löblichen Meister-Willkommen.“

Gildemeister: „Warum habt ihr daraus getrunken?“

Junger Meister: „Als zum Besten und der ganzen Bruderschaft zu Ehren.“

Gildemeister: „Womit wollt Ihr sie ehren?“

Junger Meister: „Mit dem Munde, und was wir nicht mit dem Munde tun, das wollen wir mit dem Gelde tun.“

Gildemeister: „So seid ihr schuldig 1Sg. 5Pf. Zu bezahlen.“

In beide Willköms sind Namen eingraviert. Am Meisterwillköm kann man das Wort Willköm deutlich erkennen. Am kleineren Gesellenwillköm kann man Ösen rundherum erkennen. An diesen Ösen hingen früher Messingplaketten mit den Namen der Gesellen. Diese Messingplaketten sind heute verschollen.

Zitate nach Notizen des Gildemeisters Friedrich Knölke (Ende 19. Jh.), in: R. Diersche, Steinhude. Bevor die Fremden kamen. Horb am Neckar 1999, 50-51.

C.W.